Erinnern heißt, unsere Demokratie zu schützen

Am 9. November jährt sich die Reichspogromnacht von 1938 zum 88. Mal. Die 111 Stolpersteine in Dessau-Roßlau erinnern an die Menschen, die durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft verfolgt, entrechtet und ermordet wurden. Erinnerung bedeutet nicht, heutige Generationen mit historischer Schuld zu belasten. Sie bedeutet, die Schicksale der Opfer sichtbar zu halten und aus der Geschichte Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen. Denn unsere liberale Demokratie ist aktuell gefährdet.

Mit Sorge blicken wir auf den wachsenden Einfluss rechtsextremer Positionen in Sachsen-Anhalt und Dessau-Roßlau. Gerade deshalb müssen wir uns fragen, welche Folgen politische Entwicklungen für unsere Stadt haben könnten.
Was bedeutet eine AfD-geführte Landesregierung in vielen Lebensbereichen. Wie entwickeln sich Inklusion und die Förderung von Menschen mit Behinderungen? Wie gewährleisten wir Respekt und Sicherheit für Menschen auf der Flucht oder mit religiöser Überzeugung. Welche Perspektiven haben das Anhaltische Theater, das Kurt-Weill-Fest und das Bauhaus, wenn ein enges Verständnis deutscher Kultur zur politischen Pflichtübung wird?

Diese Fragen betreffen nicht nur einzelne Projekte. Sie berühren das Selbstverständnis unserer Stadt: Welchen Stellenwert geben wir Vielfalt, kultureller Offenheit und gesellschaftlicher Teilhabe? Wir stehen für eine offene, vielfältige und lebenswerte Stadt, für eine starke demokratische Kultur und für eine Gesellschaft, in der die Würde jedes Menschen unantastbar bleibt. Erinnerung ist dafür ein wichtiger Auftrag – heute und in Zukunft.

Dass jedes Jahr am 9. November Mitglieder der gesichert rechtsextremen AfD das Gedenken an den Völkermord von 6. Millionen Jüdinnen und Juden missbrauchen, ist eine Provokation und Verhöhnung der Opfer. Wir erwarten, dass sich der Veranstalter entsprechend positioniert und diese rechtsextreme Bestrebung der AfD auf der Veranstaltung als unerwünscht erklärt.

Christoph Kaßner

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